Steinbauer 2017-12-28T14:37:36+00:00
Abbildung: Karl Steinbauer. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.

Biografie

1906 Karl Steinbauer wird als Pfarrerskind in Windsbach geboren > lesen


1927–1931 Theologiestudium in Erlangen, Tübingen und Königsberg  > lesen


1931-1932 Vikariat in Heiligenstadt bei Bamberg, Pfarramtskandidat am Predigerseminar Nürnberg


Ab 1933 Exponierter Vikar in Penzberg  > lesen


1934 Erster Konflikt mit Landesbischof Meiser über das Verhalten gegenüber dem NS-Staat  > lesen


1935-1936 Weigerung, anlässlich nationalsozialistischer Feiern und Scheinwahlen die Kirchenglocken zu läuten und die Kirche zu beflaggen  > lesen


1937 Konflikt mit der Hitlerjugend, Aufenthaltsverbot in Bayern und Gefängnishaft  > lesen


1938 Pfarrer in Senden; Weigerung, den „Ariernachweis“ zu erbringen > lesen und den Treueid auf Hitler zu leisten


1939 Wegen einer NS-kritischen Predigt Schutzhaft in Neu-Ulm und Konzentrationslagerhaft in Sachsenhausen  > lesen


1940–1945 Wehrmachtssoldat  > lesen


1944 Anklage vor dem Kriegsgericht endet mit überraschendem Freispruch


1945–1971 Pfarrer in Lehengütingen, im Internierungslager Moosburg, in Wolfratshausen, Amberg und Pettendorf, dabei Fortsetzung der Konflikte mit der Kirchenleitung > lesen


1988 Tod

„Man muss Gott
mehr gehorchen
als den Menschen“

Politische Verantwortung der Kirche wird besonders in Grenzsituationen brisant. Im Nationalsozialismus waren das Unrecht und die Brutalität des Regimes maßlos. Die Kirchen standen zwischen der Verantwortung für die eigenen Mitglieder und der Verantwortung für die Ausgegrenzten, zwischen radikalem Widerspruch und der Frage nach den Folgen des Handelns. Einer, der in dieser Zeit aus seinem Glauben heraus die Notwendigkeit des Widerstands sah, war der junge Pfarrer Karl Steinbauer. Immer wieder schob er dem Unrecht einen Riegel vor:
„Luther redet einmal davon, daß „Pflöcklin“ eingeschlagen werden müssen, damit jeder wisse: bis hierher und nicht weiter!“

Kindheit und Jugend

Karl Steinbauer

Kindheit und Jugend

Karl Steinbauer wächst als zehntes Kind einer Pfarrfamilie im mittelfränkischen Windsbach auf. Die Familie teilt die Kriegsbegeisterung des Ersten Weltkriegs und den Schock über die Kriegsniederlage; Nationalismus und Antisemitismus prägen das Denken.

Auch Karl Steinbauer sympathisierte zunächst mit den Nationalsozialisten, wendet sich aber entschieden von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ab, als Hitler einen brutalen politischen Mord gutheißt und die beteiligten SA-Leute zu Freiheitshelden stilisiert.

Großfamilie um 1915. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.
Hans Steinbauer, der Vater von Karl Steinbauer, war Pfarrer und Schulleiter des Windsbacher Gymnasiums. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.
Großfamilie um 1915. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.
Hans Steinbauer, der Vater von Karl Steinbauer, war Pfarrer und Schulleiter des Windsbacher Gymnasiums. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.

Jugend in der Kriegszeit

In seinen Erinnerungen reflektiert Karl Steinbauer kritisch darüber, wie selbstverständlich er nationalistisch und antisemitisch dachte. Er berichtet über zwei Erlebnisse, die das veranschaulichen: Die Trauer darüber, noch zu jung für den Kriegsdienst zu sein; das fehlende Entsetzen über Hakenkreuze an der Synagogenwand. Während seines Theologiestudiums in Erlangen, Königsberg und Tübingen wurde er Mitglied der schlagenden Verbindung Germania.

Das „Erwachen“, wie er selbst es später kennzeichnet, kommt wie bereits erwähnt mit Hitlers Einsatz für die Mörder von Potempta, die einen Kommunisten brutal zu Tode getrampelt hatten; hier wird Steinbauer klar, dass es Hitler nicht um das Recht, sondern seine eigene Herrschaft geht. Daher tritt er aus der NSDAP aus, der er ursprünglich beigetreten war, um sich gegen die Politisierung der Justiz einzusetzen.

Der junge Karl Steinbauer. © LKAELKB, 0.20003-50071

Konflikte mit der Kirchenleitung

Karl Steinbauer

Konflikte mit der Kirchenleitung

„Es fragt sich nur, ob der Herr Christus auch noch eine gegebene Tatsache ist“

Karl Steinbauer erhebt als junger Vikar und Pfarrer immer wieder kompromisslos Einspruch gegen die Anpassung der Kirchenleitung an das NS-Regime. 1933 versuchte Hitler mit seiner Machtübernahme auch die Kirchen gleichzuschalten und mithilfe der NS-hörigen Deutschen Christen eine einheitliche evangelische Reichskirche zu etablieren. Im Herbst 1933 begann sich die kirchliche Opposition gegen den von Hitler protegierten Reichsbischof Ludwig Müller zu formieren.

In dieser Opposition nahm der bayerische Landesbischof Hans Meiser bald eine führende Rolle ein. Als Hitler die oppositionellen Kirchenführer bei einem Empfang im Januar 1934 unter Druck setzt und einer politischen Verschwörung bezichtigt, knickt Meiser jedoch ein und stellt sich hinter den Reichsbischof. Karl Steinbauer wirft ihm daraufhin Verrat an der Kirche und Orientierung an falschen Maßstäben vor.

Einführung von Landesbischof Meiser, 11. Juni 1933 in Nürnberg. © LAELKB, BS, Bi7: 14 Meiser, Hans
Steinbauers öffentliche Stellungnahmen beginnen also im innerkirchlichen Rahmen. Als junger exponierter Vikar in Penzberg ist er gemeinsam mit seiner Gemeinde bemüht, „den Weg zur Nachfolge unter die Füße zu nehmen und einander das schuldige Zeugnis zu gönnen, wem gegenüber es notwendig werden möchte in Gemeinde, Kirchenleitung, Partei und Staat.“ Die ersten Wochen nach Hitlers Machtübernahme waren für ihn gekennzeichnet durch eine nationale Begeisterung einerseits und eine lähmende Beklemmung derjenigen, die mitleidend den Terror voraussahen. In der bayerischen Landeskirche tritt Friedrich Veit als Kirchenpräsident gezwungenermaßen zurück; Hans Meiser wird sein Nachfolger. Im Juli 1933 werden die Kirchenwahlen zwangsweise neu veranstaltet, um die Deutschen Christen in Mehrheitspositionen zu bringen; Steinbauer konnte das (wie die meisten Pfarrer in Bayern) in seiner Gemeinde verhindern, indem er einfach die Wahlergebnisse des letzten Jahres wiederholte. Auf nationaler Ebene setzen sich die Deutschen Christen aber durch. Ludwig Müller wird als Reichsbischof gewählt und plant den „Arierparagraph“ in der Kirche einzuführen, woraufhin der Pfarrernotbund von Martin Niemöller gegründet wird, aus dem später die Bekennende Kirche entsteht. Meiser und der württembergische Landesbischof Theophil Wurm möchten sich gegen Müller aussprechen, werden dann aber bei einem Gespräch mit Hitler derart unter Druck gesetzt, dass sie sich doch hinter den Reichsbischof stellen. Auf der darauffolgenden Pfarrversammlung in Nürnberg versucht Meiser dies zu rechtfertigen. Steinbauer hebt die Stimme und widerspricht; die Unterstellung unter den häretischen Reichsbischof sind für ihn Verleugnung des Bekenntnisses, Verrat der Kirche und des Pfarrernotbundes.

Meiser, der ihn daraufhin zum Gespräch einberuft, versucht ihm sein Dilemma zu erklären:

„Was Sie hier sagen, ist theologisch alles sehr fein, aber wir müssen mit gegebenen Tatsachen rechnen.“

Steinbauer setzt dagegen:

„Es fragt sich nur, ob der Herr Christus, dem gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden, auch noch eine gegebene Tatsache ist, mit dem wir in der Kirche rechnen dürfen.“

An dieser Unterhaltung lässt sich eine der Grundfragen zwischen Meiser und Steinbauer, aber auch von Kirchen im Nationalsozialismus allgemein erkennen: Die Frage nach den letztgültigen Maßstäben des Handelns. Für Steinbauer ist es immer Christus, an dem sich das Denken und Handeln der Kirche orientieren muss, ja gar nicht anders kann, wenn sie in Christus lebt. Andere Orientierungspunkte, wie Politik, Geld oder auch persönliches Glück müssen dahinter zurückstehen. Meiser dagegen trug auch die Verantwortung für seine Mitarbeitenden und agierte daher vorsichtiger.

Konflikte mit dem Staat

Karl Steinbauer

Konflikte mit dem Staat

„Lügen kann man nur ohne Gott“

In symbolträchtigen Handlungen setzt Karl Steinbauer dem NS-Regime Grenzen, indem er seine Unterstützung verweigert: Zu Wahlbetrug und nationalsozialistischen Feiern beflaggt er die Kirche nicht und läutet keine Glocken. Er gerät deswegen nicht nur mit dem NS-Staat, sondern auch mit der Kirchenleitung in Konflikt, die befürchtet, sein Verhalten bringe die gesamte Landeskirche in Gefahr.

Nach mehreren Verweigerungen wird er festgenommen, erhält Predigtverbot und Aufenthaltsverbot in Oberbayern. Karl Steinbauer muss eine Versetzung nach Augsburg annehmen und kann erst drei Monate später wieder zu seiner Familie zurückkehren.

1934 heiratet Karl Steinbauer Eugenie Beckh. Sie unterstützt ihn beim Widerstand und setzt sich für seine Freilassung aus den verschiedenen Gefangenschaften persönlich ein. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.

Erster Anlass der Verweigerung war die nationalsozialistische „Auferstehungsfeier“ in München: Dabei wurden die Toten des Hitler-Ludendorff-Putsches von 1923 in die „Ehrentempel“ am Münchner Königsplatz überführt und ihr Weiterleben im Volk gefeiert. In dem Aufruf dazu heißt es: „In der Jugend unseres Volkes feiern die Toten vom 9. November wieder Auferstehung.“

Die Kirchen sind aufgefordert, dazu zu beflaggen, was Steinbauer verweigert: Die Kirche als Ort der Verkündigung des Evangeliums kann er nicht zu einem solchen Anlass missbrauchen, der der christlichen Botschaft der Auferstehung widerspricht. Als Überzeugungstäter, der „die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährde“ , wird er zu zwei Wochen Haft verurteilt.

Wahlzettel zur Reichstagswahl 1936
Wahlzettel zur Reichstagswahl 1936

„Wir dürfen Betrug nicht decken, schon garnicht mit den Kirchenglocken. Damit würden wir sozusagen Gott zum Mit-lügen zwingen. Die Männer des Staates müssen wissen: Lügen kann man nur ohne Gott.“

Steinbauer: Einander das Zeugnis gönnen. Bd. 2, Erlangen 1983,3f.

Der nächste Anlass war die Reichstagswahl 1936: Karl Steinbauer wusste, dass die Reichstagswahl 1936, die der NSDAP 99 % Ja-Stimmen einbrachte, nur eine Scheinwahl war: Kreuze konnten die Wählenden nur bei „Ja“ für die Einheitsliste setzen; „nein“ stand nicht zur Auswahl und wie nach der Wahl bekannt wurde, galten auch Stimmzettel ohne Kreuz als Zustimmung.

Die Kirchenglocken läuteten zum Gebet und zur Wahrheit. Steinbauer wird angezeigt und verhört und auch von der Kirchenleitung verwarnt.

1936 kommt die erste Tochter Elisabeth mitten in den Konflikten zur Welt. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.
Trotzdem weigert der junge Theologe sich auch im Mai 1936 zur Maifeier der NDSAP zu beflaggen und zu läuten. Diese feierte „nationalsozialistischen Lebenswillen, Lebenshoffnung und Lebensfreude“ gegen alte, auch biblische Werte und Formen. Dafür kann Steinbauer nicht flaggen.

Ihm ist bewusst, welcher Gefahr er sich aussetzt, aber

„Existenz, Leib und Leben, Weib und Kind sind gegebenenfalls schlechte Orientierungspunkte für Glaubensentscheidungen.“

Der Polizist, der ihn verhaften soll, versucht ihn noch einmal zum Umdenken zu bewegen: „Beflaggen S‘ halt! … Denken S‘ doch an den Zustand von Ihrer Frau.“ Eugenie Steinbauer war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger. Steinbauer aber erwidert:

„Meinen Sie, ich denke nicht an mein Kind? Weil ich an mein Kind denke, kann ich weder beflaggen noch läuten. … Schauen Sie, Herr Wachtmeister, und wenn dann nach 10 oder 20 oder 30 Jahren mein Kind mich fragt: … Damals warst du doch ein junger Pfarrer, habt ihr das alles so laufen lassen und habt ihr da gar nicht euern Mund aufgetan? Dann möchte ich meinem Kind in die Augen schauen können und ihm sagen: Ja, wir haben es versucht, den Männern des Staates auf ihrem bösen Weg durch Darbieten des Leibes in den Weg zu treten; aber sie haben sich nicht helfen lassen. Nein, nein, Herr Wachtmeister, ich denk an mein Kind, und Gott kann meine Frau und mein Kind gesund erhalten, oder wollen Sie mir zumuten, sie mit Verleugnung am Leben erhalten zu wollen?“

Die Erklärung, die er zur Vernehmung schriftlich anfertigt, erfuhr in der Bekennenden Kirche große Anerkennung.
Von der landeskirchlichen Leitung erhält Steinbauer dagegen keine Unterstützung, sondern eine Abmahnung wegen fehlenden Gehorsams. Er wird sogar verhaftet, kommt aber durch den Einsatz des Kirchenvorstands von Penzberg kurz darauf wieder frei; dennoch erhält er Redeverbot für das ganze Reichsgebiet und Aufenthaltsverbot für Oberbayern. Die Kirchenleitung versetzt ihn daraufhin nach Augsburg, wo er trotz Predigtverbot predigt, aber einer Art „Predigtzensur“ und Überwachung untersteht.

Dem beauftragten Kommissar erklärt er:

„Es gibt überhaupt kein Predigtverbot. Es gibt lediglich einen Predigtbefehl. … Sie meinen, man kann sich geradezu eine Predigt wünschen, wie sich ein Bub eine Eisenbahn zu Weihnachten wünscht. Das ist ganz anders. Schauen Sie, uns ist für jeden Sonntag ein bestimmtes Bibelwort vorgeschrieben. … Wir lesen dieses Bibelwort, tragen es mit uns herum die Woche über, horchen in dieses Wort hinein, was uns der Herr Christus daraus sagt zur Mahnung, Warnung, Züchtigung, Tröstung, Ermunterung u.s.w. Und das sagen wir dem Predigtbefehl entsprechend gehorsam der Gemeinde weiter.“

Daher können ihn auch Drohungen nicht vom Predigen abhalten:

„Ich weiß genau, womit Sie mir drohen. Sie drohen mir mit dem Konzentrationslager Dachau. … Aber schauen Sie, mir droht noch eine viel furchtbarere Sache als Dachau. Mir droht das Jüngste Gericht. Mit menschlichem Drohen können Sie mir hier nicht helfen. Der Tag kommt, an dem vor dem wiederkehrenden Christus alle Menschen auf den Knien liegen, Adolf Hitler und Sie und ich…“

Schließlich wird dank Bemühungen des Landeskirchenamtes Predigt- und Aufenthaltsverbot wieder aufgehoben und Steinbauer kann im September 1936 nach Penzberg zurückkehren.

Einsatz für die Jugend

Karl Steinbauer

Einsatz für die Jugend

„Gott lässt sich nicht pensionieren“

Die Jugend lag dem jungen Pfarrer besonders am Herzen.
1937 protestiert Karl Steinbauer gegen Aushänge der Hitlerjugend, die die Bibel durch NS-Ideologie ersetzen wollen:
„Gott lässt sich nicht pensionieren.“
Nach seinem zweiten Protestbrief erhält Karl Steinbauer ein Aufenthaltsverbot in ganz Bayern, das er nicht akzeptierte.
Am 16. Juni 1937 wird der Pfarrer verhaftet und für fünf Monate im Gefängnis Weilheim eingesperrt.

Karl Steinbauer setzte sich sehr für die junge Generation ein. Dazu gehört für ihn auch die Beibehaltung konfessioneller Schulen, wo„der Herr Christus sozusagen von acht bis zwölf Uhr Tag um Tag der heimliche Herr der Schule“ ist. Als Religionslehrer verwies er auf diesen einen Herrn, indem er den Hitler-Gruß der Schüler nicht erwiderte.
Im Februar 1937 erfährt er von dem Schaukasten-Schreiben der Hitlerjugend:

„Mit Bibellesen? Nein! … Mit Bibellesen rettet man kein Volk. Mit Bibellesen wurde noch keine Schlacht gewonnen und noch kein Acker bestellt. Ist es nicht empörend zu sehen, wenn die HJ bei strömendem Regen und kaltem Winde durch die Straßen marschiert, wenn sie in Zelten nächtigt und in nie versiegendem Idealismus Strapazen aller Art auf sich nimmt, während andere in der Etappe sitzen – jawohl, in der Etappe, am warmen Ofen Bibellesen und dann vom Staate, den andere erkämpfen und auf ihren Schultern tragen, die gleichen Rechte verlangen. Das ist ungerecht, das ist undeutsch, das ist nicht nationalsozialistisch. … das dritte Reich wurde wieder nicht mit der Bibel, sondern mit Fäusten und Blut erkämpft.“

Steinbauer entfernt die Plakate und protestiert mit einem Schreiben an die Presse- und Propagandaabteilung der HJ sowie den Reichsjugendführer Baldur von Schirach, der die Folge einzieht.

Doch auch die nächste Folge diffamiert die Bibel:

Schaukastenaushang der Hitlerjugend © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer
„Unsere Bibel ist des Führers „Mein Kampf“. Aus seinem Werke, vom deutschen Lebenskampf und deutscher Befreiung, holen wir uns die Kraft, zum Einsatz für Deutschland, den Glauben an uns selbst.“

Steinbauer protestiert wieder, besonders für die Konfirmanden:

„Ich spreche Ihnen jedes Recht ab, im Namen der Jugend so zu reden, jedenfalls verbitte ich es mir in aller Form im Namen meiner Schulkinder und meiner Konfirmanden und Konfirmierten, so zu reden. Sie denken ja gar nicht dran, dass Hitlers „Mein Kampf“ ihre Bibel sein sollte. … Sie haben im Konfirmandenunterricht gelernt, dass es nur eine Bibel gibt für alle Zeiten und Menschen.“

Daraufhin erhält Steinbauer ein Aufenthaltsverbot in ganz Bayern wegen „ständiger staatsabträglicher Hetze.“ Er weigert sich, dies zu akzeptieren und bleibt. Die Kirchenleitung steht zunächst hinter ihm, wird dann aber nach Androhungen der Berliner Gestapo vorsichtiger. Am 16. Juni 1937 wird Steinbauer wie bereits erwähnt verhaftet. Die insgesamt eineinhalb Jahre Aufenthalt in Gefängnissen betrachtet er rückblickend als drei zusätzliche Semester Studienzeit: Er lässt sich immer Bibel, Gesangbuch, Losungen, Neues Testament auf Griechisch, Wörterbuch und Konkordanz, „eben das notwendigste Pfarrershandbuch“ schicken und schreibt weiter Briefe und Predigten.

Zeichnung Karl Steinbauers aus dem Gefängnis Weilheim, die als Karte in der gesamten Bekennenden Kirche verteilt wurde. „Aber Gottes Wort ist nicht gebunden“, 2.Tim 2,9.
© Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.

Gegen Rassismus
in der Kirche

Karl Steinbauer

Gegen Rassismus in der Kirche

„Lieber mit meinem Herrn und meinen Brüdern in Christo vor den Schultüren stehen, als ohne sie drinnen“

Die Ausgrenzung aller, die nicht zur deutschen „Volksgemeinschaft“ zählten, wurde immer deutlicher und brutaler. Mit den „Nürnberger Gesetzen“ wurden jüdische Mitbürger zu Menschen niederer Klasse degradiert.
Auch Geistliche, die an öffentlichen Schulen Religion unterrichteten, mussten ab 1938 einen „Ariernachweis“ vorlegen. Karl Steinbauer weigert sich und predigt über

den Verrat an der Jugend durch die christentums- und judenfeindliche Politik des NS-Regimes. Schon 1935 hatte Steinbauer gegen Rassismus im Raum der Kirche gepredigt. In einer Predigt über den „Kämmerer aus dem Mohrenland“ stellt er heraus, dass „der wirkliche, wahrhaftige, einzige Gott … über aller Art-, Blut- und Bodenverbundenheit“ stehe.

1938 spitzte sich die Situation im Kirchenkampf zu: Nach dem „Anschluss“ Österreichs und der folgenden nationalen Euphorie wurde in vielen deutschchristlichen Kirchenleitungen die Vereidigung auf Hitler durchgesetzt. Auch Landesbischof Meiser beschloss in vorauseilendem Gehorsam, in Bayern den Eid auf Hitler einzuführen: „Der unter Anrufung Gottes dem Führer Adolf Hitler geleistete Eid gibt der Treue- und Gehorsamsverpflichtung den Ernst der Verantwortung vor Gott und damit ihre rechte Begründung.“ Gegen diese Unterstellung unter die weltliche Obrigkeit durch einen Eid, der zudem gegen das Eidesverbot verstieß und das Ordinationsgelübde nichtig machte, protestierte Steinbauer in einem Brief, in dem er Meiser an das Wesentliche erinnert: „Mir ist das In-Christus-stehen eben nicht ein Schweben in höheren Sphären, und anders wäre mir mein eigenes konkretes tägliches Leben einfach nicht mehr zu ertragen. […] Daß Christus die Welt überwunden hat, muß offenbar werden in unseren täglichen konkreten Entscheidungen, hier wird der Glaube praktisch und allein glaubwürdig verkündigt.“ Und so verweigert Steinbauer den Eid, was nur sehr wenige Pfarrer wagten. Die Eidesfrage war für die gesamte Bekennende Kirche eine Zerreißprobe, die schließlich ihr Ende fand, als das Regime die Angelegenheit zu einer innerkirchlichen Frage erklärte.

Im März 1938 – Karl Steinbauer ist inzwischen Pfarrverweser in Ay-Senden bei Neu-Ulm, während seine Frau und Tochter noch in Penzberg wohnen – wird wie bereits erwähnt ein neues Schulaufsichtsgesetz in Bayern eingeführt, das von Geistlichen, die Religionsunterricht erteilen, einen „Ariernachweis“ fordert. Steinbauer weigert sich, diesen vorzulegen. Problematisch ist für ihn dabei besonders der Eingriff des Staates in die Freiheit der Evangeliumsverkündigung. Im kirchlichen Raum widersetzt Steinbauer sich dem staatlichen Übergriff, der der Einheit und Gleichheit innerhalb der christlichen Gemeinde widerspricht (Gal 3, 28). Er macht die Absurdität der Rassenfrage deutlich:

„Nach dem Rassegesetz müßte der Herr Christus und seine Apostel vor der Schultüre stehen bleiben, wie auch meine Brüder nichtarischer Abstammung davor stehen bleiben müssen; ich will lieber mit meinem Herrn und seinen Aposteln und meinen Brüdern in Christo vor den Schultüren stehen, als ohne sie drinnen.“

Brief an das Bezirksschulamt Neu-Ulm vom 5. Dezember 1938. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.
Brief an das Bezirksschulamt Neu-Ulm vom 5. Dezember 1938. © Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.

In der Gefangenschaft

Als Steinbauer diese Gedanken in einer Predigt über die Flucht aus Ägypten im Januar 1939 entfaltet, wird er mitten in der Nacht von SA-Männern in seinem Haus überfallen, Fenster werden eingeschlagen und der Pfarrer wird von der Polizei in „Schutzhaft“ genommen. Trotz Einsatz seiner Frau, der Gemeinde Penzberg und der Kirchenleitung wird er von Neu-Ulm in das Konzentrationslager Sachsenhausen transportiert. Auf das Tauschangebot, sein Pfarramt für die Freiheit aufzugeben, geht er nicht ein, obwohl er im Konzentrationslager Folter und Todesfälle miterlebt.

Erst Ende des Jahres 1939 wird er entlassen.
Karl Steinbauer zeichnet diesen Vogel, der vor dem Gefängnisgitter von der Gerechtigkeit singt, in der Haft in Neu-Ulm.

„Ich will predigen die Gerechtigkeit in der großen Gemeinde; siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen, Herr, das weißt du. Deine Gerechtigkeit verberge ich nicht in meinem Herzen; von deiner Wahrheit und von deinem Heil rede ich; ich verhehle deine Güte und Treue nicht vor der großen Gemeinde.“ (aus Psalm 40)

© Privatbesitz Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer.

Bei der Wehrmacht

Mitte Januar 1940 wird Steinbauer zur Wehrmacht einbezogen und ist vier Jahre lang an der russischen Front. In Lettland wird er Zeuge einer Massenerschießung durch die SS und begreift die ganze Tragweite der Rassenfrage. Auch während der Kriegszeit bleibt er ein Prediger, der kompromisslos wahrhaftig ist und dadurch oft Kritik auf sich zieht. So wird er für eine Predigt zu Weihnachten 1943 der Wehrkraftzersetzung angeklagt; darauf stand üblicherweise die Todesstrafe. Das Kriegsgericht spricht ihn aber überraschend frei.

Nach dem Krieg

Karl Steinbauer

Nach dem Krieg

Nach Kriegsende wirkt Karl Steinbauer in verschiedenen Gemeinden Bayerns – nicht ohne weitere Konflikte mit der Kirchenleitung. Er bleibt bis zu seinem Tod 1988 ein Zeuge für Wahrheit und Gerechtigkeit, der immer wieder „Pflöcklin“ gegen Ungerechtigkeiten einschlägt.

Zum Weiterlesen

Die Online-Ausstellung „Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus“ bietet einen ausführlichen Beitrag zu Karl Steinbauer: evangelischer-widerstand.de


Blendinger, Christoph: Nur Gott und dem Gewissen verpflichtet. Karl Steinbauer – Zeuge in finsterer Zeit. Ein Text- und Lesebuch. München 2001.


Eberlein, Karl: Der Unglaube züchtet Riesen. Karl Steinbauer zum 100. Geburtstag. In: Korrespondenzblatt 121, 2006, S. 133–136.


Freudenberg, Matthias: Jesus auf der Flucht. Die „Verhaftungspredigt“ von Karl Steinbauer über Mt 2, 13-23 am 8.1.1939. In: Reformierte Kirchenzeitung 139, 1998, S. 510–517.


Freudenberg, Matthias: Steinbauer, Karl. In: BBKL XIV, 1998, Sp. 1529–1532.


Hamm, Berndt: Die andere Seite des Luthertums. Der bayerische Pfarrer Karl Steinbauer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In: ZThK 194, 2007, S. 455–481.


Giesen, Erhard (Hg.): „Ich glaube, darum rede ich!“. Redeverbot? Nein. Karl Steinbauer 1906–1988. Ausstellungskatalog zum 100. Geburtstag von Karl Steinbauer am 2.9.2006, o. O. 2006.


Mildenberger, Friedrich/Seitz, Manfred (Hg.): Gott mehr gehorchen. Kolloquium zum 80. Geburtstag von Karl Steinbauer. München 1986.


Steinbauer, Karl: Die Predigt vor dem Kriegsgericht [Lemgo 1963].


Steinbauer, Karl: Einander das Zeugnis gönnen. Bd. 1 und 2: Selbstverlag Erlangen 1983. Bd. 3: Selbstverlag Erlangen 1985. Bd. 4: Im Namen und Auftrag von Karl Steinbauer hg. von Elisabeth Giesen, geb. Steinbauer und Martin Giesen. Selbstverlag Erlangen/Mülheim am Rhein 1987.


Steinbauer Karl: Einander das Zeugnis gönnen. Zu Barmen – Röm 13 – Zwei-Reichelehre. Buckenhof o. J.


Steinbauer, Karl: Vom Gehorsam des Glaubens. Mosepredigten (Theologische Existenz heute Neue Folge 2). München 1946.


Winter, Helmut: Er widerstand Meiser und Hitler. In: Sonntagsblatt Nr. 36 vom 3. September 2006.