Müller 2018-02-01T15:23:41+00:00
Abbildung: Else Müller, © Dr. Jürgen Schwark.

Biografie

1915 wird Else Müller in Essen geboren. Sie wächst in Nürnberg auf.


1937-39 Ausbildung zur Jugendleiterin in Berlin


Ab 1939 Jugendleiterin in Bamberg > lesen


Ab 1947 Reisesekretärin für das Evangelische Mädchenwerk, Nürnberg


Ab 1951 Jugendreisen und ökumenische Studienreisen  > lesen


Ab 1960 freigestellt für ökumenische Jugend- und Studienarbeit


1962 Erster Europäisch-Ökumenischer Studienkurs > lesen


Ab 1970 Erste hauptamtliche Ökumenereferentin


1974 Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft > lesen


1980 Ruhestand


1983 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes


1987 Tod bei Autounfall

„Auf dass sie alle eins seien“

Dass 2017 als Christusfest von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam gefeiert werden kann, ist ein historisches Ereignis. Die Reformation führte auch zu Trennungen und Verletzungen. Besonders im letzten Jahrhundert begannen aber große ökumenische Aufbrüche: Christinnen und Christen schlossen sich nach den Schrecken der Weltkriege weltweit zusammen, um sich gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen und Gräben zwischen den Konfessionen zu überwinden. Von Bayern aus baute die Jugendleiterin Else Müller Brücken in alle Welt und stieß wichtige Prozesse der Versöhnung an.

Sehnsucht nach
Einheit und Versöhnung

Die Sehnsucht nach Versöhnung und Einheit von Christinnen und Christen weltweit war der Grundton von Else Müllers Wirken. Als junge Frau erlebte sie im Nationalsozialismus, wie andersdenkende und widerständige Menschen verhaftet wurden und junge Männer im Krieg fielen: Der Pfarrer Martin Niemöller, zu dessen Gemeinde sie in Berlin gehörte, wurde Zellennachbar Karl Steinbauers im Konzentrationslager Sachsenhausen; ihre beiden Brüder starben im Krieg. Die Grenzen zwischen Nationen und Konfessionen schienen unüberwindbar. Dennoch erfuhr Else Müller kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dass Versöhnung möglich ist – eine Erfahrung, die sie ihr Leben lang weitergibt und ausbreitet.

Burckardthaus
Burckardthaus, Berlin, ca. 1943. Hier machte Else Müller 1937-39 die Ausbildung zur Jugendleiterin.

Der Weg zur Versöhnung

1947 trafen sich Leitende der Jugendarbeit aus ganz Europa: „Da ist unter uns plötzlich über der Frage der Schuld ein breiter Graben entstanden. In zehnstündigem Ringen miteinander wurde er immer breiter, bis spät abends – dank eines Schweizer Votums – der Weg zur Versöhnung frei wurde. Nachts fanden wir uns zu einer Mahlfeier zusammen. Sie ist bis heute allen Beteiligten in ihrer Wirkkraft unvergesslich. Diese Erfahrung der Versöhnung über scheinbar unüberwindbare Spaltungen hinweg ist für mich das Leitmotiv, der Grundakkord geworden für meine Jugend- und später ökumenische Studienarbeit. Damals hat mich der Strom der ökumenischen Bewegung erfasst und seitdem nicht mehr losgelassen.“

Abendmahl
Abbildung: © Gino Santa Maria/123rf.com
Ebenso beeindruckend war für Else Müller im Jahr 1950 die Begleitung von internationalen Gästen bei den ersten Passionsspielen nach dem Krieg in Oberammergau. Gemeinsam mit einem amerikanischen Pfarrer, der den deutschen Wiederaufbau unterstützte, bot sie Tee für die Besucher an. Über 1000 Gäste aus 50 Ländern kamen zusammen und miteinander ins Gespräch, auch über Fragen von Schuld und Versöhnung. Aus dieser Erfahrung heraus organisierte Else Müller im nächsten Jahr die ersten ökumenischen Jugendfreizeiten, um jungen Menschen solche Begegnungen zu ermöglichen.

Eine Bewegung der Erneuerung

Else Müller vergleicht das Ringen um eine versöhnte Vielfalt oft mit Eisenspänen, die sich um einen Magneten sammeln und nach diesem ausrichten. Genauso ist für sie die ökumenische Bewegung nicht nur eine Bewegung aufeinander zu, sondern auch „eine Bewegung zur Erneuerung der einen Kirche Jesu Christi, der das Haupt seiner Kirche ist, und somit die Mitte, zu der sich immer mehr alle Kirchen hin ausrichten lassen.“

Füreinander beten

Ökumene bedeutet auch Glauben gemeinsam zu leben. Ihre zahlreichen Gäste lud Else Müller immer zum Abendgebet ein. „Weil wir zusammengehören, lebt das Gebet zwischen uns. Wir brauchen das Gebet der östlichen Bruderkirchen, dass wir uns nicht an der Sattheit ersticken. Sie brauchen unser Gebet, dass sie nicht müde werden und über allen Hindernissen resignieren.“

Abbildung: © daniilantiq/123rf.com
Trotzdem war für Else Müller ein ganzheitlicher Einsatz für die Ökumene wichtig: sowohl in zahlreichen ökumenischen Begegnungen als auch in der Gründung von Strukturen. So wurde in ihrer Wohnung 1970 der Ökumenische Jugendrat gegründet, und auch im Initiativausschuss für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland war sie aktiv. Ihr gelang es dabei, die großen Themen der globalen Ökumene auch auf der regionalen Ebene ankommen zu lassen.

Begegnung baut Brücken

Persönliche Begegnungen machen Annäherung und Versöhnung möglich. Else Müller war eine Vernetzerin, die Menschen verschiedenster Herkunft und Denkweise miteinander verbinden konnte. Dabei ging ihr Blick über die üblichen Grenzen hinaus: Auch mit Denkern wie dem marxistischen Philosophen Vitzeslav Gardávsky hatte sie intensiven Kontakt.

„In ihrem Leben hat Else Müller viele Brücken geschlagen. Ohne Menschen wie Else wäre es nicht zu dem Fortschritt in der Aussöhnung zwischen unseren beiden Völkern gekommen.“

(Milan Opočenský, tschechischer Theologe)

„Wir leben von Menschen, die Undenkbares denken, die Undenkbares sagen, die Undenkbares machen. Es ist gut mit Menschen unterwegs zu sein, die überzeugt sind, dass die eigenen Grenzen nicht die Grenzen Gottes sind.“

(Rainer Brandt, Leiter des Studienzentrums Josefstal)
Else Müller, ca. 1980, © Dr. Jürgen Schwark.

Der Europäisch-Ökumenische Studienkurs in Josefstal, den Else Müller 1962 zum ersten Mal durchführte, bringt bis heute Menschen aus ganz Europa für 10 Tage zusammen. Ökumenisch engagierte Männer und Frauen aus verschiedenen Konfessionen und Kirchen begegnen sich, lernen voneinander, diskutieren offen und intensiv und zeigen einander die Schätze ihrer Konfessionen.

Seit 1952 organisierte Else Müller Studienreisen für Erwachsene in Länder, die im Zweiten Weltkrieg besonders unter Deutschland gelitten hatten: nach Großbritannien, in die Niederlande, dann auch Skandinavien. Als neue Grenzen zwischen Ost und West entstehen, werden ihr die Kontakte nach Osteuropa besonders wichtig. Die Begegnungen mit Menschen in Polen, der CSSR und Rumänien beeindruckt viele der Teilnehmenden: Uns „hat die fabelhafte Kraft der Hoffnung bei vielen geradezu überwältigt“ schreibt ein Mitreisender in die CSSR.

Else Müller 1973 auf einer USA-Reise
USA-Reise 1973; Else Müller ist die dritte von rechts. © Studienzentrum Josefstal.
Else Müller in den 1970ern im Studienzentrum Josefstal. © Studienzentrum Josefstal.
Else Müller im Studienzentrum Josefstal. © Studienzentrum Josefstal.
Impressionen vom Studienkurs 2016

Leidenschaft für
Frieden und Gerechtigkeit

Gemeinsam Frieden zu stiften und für Gerechtigkeit und Freiheit einzutreten ist Teil des christlichen Lebens. Else Müller sprach von der „Solidarität mit den jeweiligen Verhältnissen“ der Menschen, ohne die das christliche Zeugnis leeres Wort bleibt. Sie setzt sich für Versöhnung und Gerechtigkeit ein und lässt globale Themen auch vor Ort konkret werden.

Das Nagelkreuz: Versöhnungszeichen aus den Trümmern

1940 hatte die deutsche Luftwaffe die britische Stadt Coventry bombardiert; 550 Menschen starben, Häuser und Straßen waren zerstört. Die mittelalterliche Kathedrale blieb als Ruine zurück. Der Dompropst Richard Howard fügt drei Nägel aus der zerstörten Kirche zu einem Kreuz zusammen und schreibt dazu: „Vater vergib.“ Dieses Nagelkreuz wird zu einem Zeichen der Versöhnung und breitet sich aus. Else Müller bringt das erste Nagelkreuz nach Bayern, in das Studienzentrum Josefstal.

Die Ruinen der Kathedrale von Coventry. Quelle: Image & Design Ian Halsey MMXVI CC BY-NC.
Abbildung: Die Ruinen der Kathedrale von Coventry. Quelle: Image & Design Ian Halsey MMXVI CC BY-NC.

Zu den jeweiligen Herausforderungen von Else Müllers Zeit zählten zunächst das große Thema der Versöhnung. Else Müller war eines der ersten Mitglieder des Nagelkreuzordens, der sich vor dem Hintergrund der Zerstörung Coventrys als Versöhnungszeichen gegründet hatte. Am 14. November 1940 hatte die deutsche Luftwaffe Coventry bombardiert und zerstört.

Else Müller erzählt:

„Damals im November 1940 tönte laut der Schrei des Hasses und der Wunsch nach Vergeltung…Damals hat der Leiter der anglikanischen Kathedrale, Provost Howard, etwas unglaublich Mutiges gewagt: Er hat mitten in der zerstörten Kirche zwei angekohlte Balken zusammengefügt zu einem Kreuz und aus drei langen Nägeln aus dem Dachfirst, das sogenannte „Nagelkreuz“ gestaltet. Hinter beides hat er geschrieben: „Father forgive“ – Vater vergib., Er ließ bewußt das „ihnen“ – d.h. den deutschen Bombern – weg. Damit bekundete er, daß wir alle, die wir uns in den Krieg hineinziehen ließen – auch heute noch lassen – schuldig sind.“

In der Weihnachtsansprache desselben Jahres, die von den Ruinen der Kathedrale aus weltweit übertragen wurde, sagte Howard:

„Was wir der Welt sagen wollen, ist dies: Da Christus heute in unseren Herzen wieder geboren wurde, werden wir versuchen, so schwer dies auch sein mag, alle Gedanken an Rache zu verbannen. Wir nehmen all unsere Kraft zusammen, um die enorme Aufgabe zu beenden, die Welt vor Tyrannei und Grausamkeit zu schützen. Wir wollen versuchen, die Welt freundlicher, einfacher, dem Christuskind ähnlicher zu machen.“

Die Kathedrale blieb als Symbol des Kreuzes als Ruine; daneben wurde eine neue Kathedrale der Auferstehung und des Lebens erbaut. Das Nagelkreuz entwickelte sich von einem Souvenir für besuchende Kirchen aus aller Welt zu einem Symbol der Versöhnung. Nagelkreuzzentren wurden weltweit aufgebaut, und so ein Netzwerk von Menschen, die sich begegneten und für Frieden einsetzten. Else Müller war Teil davon und brachte das Nagelkreuz nach Josefstal. In den Nagelkreuzzentren wird jeden Freitag das Versöhnungsgebet gemeinsam gebetet.

Das Nagelkreuz in Josefstal. © Wolfgang Noack.
Die Urkunde zu Else Müllers Eintritt in den Nagelkreuzorden.
© Studienzentrum Josefstal.

Informationen über die Arbeit der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland finden Sie unter: http://nagelkreuz.org/

Einsatz für eine gerechtere Welt

Aber auch andere weltweite ökumenische Themen brachte Else Müller nach Bayern. So setzte sie sich für Gerechtigkeit ein, verbreitete die Ideen des ökumenischen Rates der Kirchen, organisierte einen entwicklungspolitischen Landesjugendkongress und betonte immer wieder: „Lasst uns einfach leben, damit andere einfach leben können“. So verwies Else Müller immer wieder auf die Auswirkungen des eigenen Handelns, von Konsum und Lebensweise auf das Leben anderer. Sie setzte sich selbst in Gesprächen, Kongressen und einem bewusst einfachen Leben für globale Gerechtigkeit ein.

Zum Weiterlesen

Dieckmann, Elisabeth (Hg.): Lebendige Ökumene in Bayern: Festschrift zum 30-jährigen Jubiläum der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Bayern, Nürnberg 2004.


Else-Müller-Familienkreis: Else Müller – Gesehen von Menschen, die ihr auf diesem Weg begegnet sind, in: Und sie treten aus dem Schatten. Erster Frauengeschichtswettbewerb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, hg. von Schneider-Grube, Sigrid et al, München 1999, 157-169.


Foitzik, Karl: Else Müller, in: Una Sancta 39 (1984), 82-84.


Hager, Angela: Ein Jahrzehnt der Hoffnungen: Reformgruppen in der bayerischen Landeskirche 1966-1976, Göttingen 2010.


Hassel, Marianne: Brückenbauerin nach Ost und West: Else Müller (1915-1987), in: Schneider-Grube, Sigrid / Struiber, Irene / Thurnwald, Andrea K. (Hg.): Fromm – politisch – unbequem: Evangelische Frauen des 20. Jahrhunderts in Bayern, Bad Windsheim 2008, 202-212.


Hassel, Marianne: Else Müller, Ökumenikerin aus Leidenschaft, in: Und sie treten aus dem Schatten. Erster Frauengeschichtswettbewerb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, hg. von Schneider-Grube, Sigrid et al, München 1999, 140-156.


Martin, Michael: Ökumenische Entwicklungen und interreligiöse Kontakte, in: Handbuch der Geschichte der Evangelischen Kirche in Bayern II, hg. von Gerhard Müller et al, St.Ottilien 2000.


Schuegraf, Oliver: Vergebt einander, wie Gott euch vergeben hat: Coventry und die weltweite Nagelkreuzgemeinschaft, Frankfurt a.M. 2008.